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Thursday, 15 November 2012

Die Quellen 2 / The Sources 2

The Forme of Cury

Als zweite Quelle für meine Experimente habe ich mir eine Handschrift aus der mit „The Forme of Cury” betitelten Gruppe britischer Rezeptsammlungen ausgesucht. Der Titel bedeutet übersetzt „Die Art und Weise zu Kochen“ und geht auf eine handschriftliche Pergamentrolle - British Library, Add. MS 5016 - zurück. In über 15-jähriger Recherchearbeit haben Butler und Hieatt etwa 9 Handschriften ausfindig machen können, die mehr oder weniger enge Parallelen aufweisen. Sie unterteilen die Texte in zwei Überlieferungsstränge.  
     Die alpha-Gruppe enthält Rezeptsammlungen, die zwar deutliche Ähnlichkeiten zur namengebenden Handschrift haben, aber weniger umfangreich sind oder zusätzliche Rezepte anderen Ursprungs enthalten. Den Kern der „The Forme of Cury“-Überlieferung stellt jedoch die sogenannte beta-Gruppe dar. Sie besteht aus drei Handschriften - British Library Additional MS 5016 (MS A), Morgan Library Bühler 36 (MS B), Ryland University Library English MS 7 (MS M) -  die im sehr späten 14. und nach dem zweiten Jahrzehnten des 15. Jahrhundert entstanden sind.
     Das Exemplar der Ryland University Library wurde von Hieatt erst nach Veröffentlichung ihrer Quellenedition ausfindig gemacht, stellt aber wohl den ältesten und vollständigsten Vertreter der Überlieferungskette dar. Es besteht aus 195 Rezepten von denen zwei, die auch im Inhaltsverzeichnis fehlen,  nach 1790 auf nachträglich eingebundenen Papierblättern eingefügt wurden und drei, die aus der Parallelüberlieferung rekonstruiert werden können,  durch Seitenverlust verloren gingen. Spezifische Verschreibungen der beiden anderen Handschriften deuten darauf hin, dass English MS 7 an verschiedenen und oft unterschiedlichen Stellen wohl als eine der direkten Vorlagen für beide gedient hat. Der Ursprung aller heute erhaltenen Exemplare dürfte wohl ein verlorengegangener unbekannter Vertreter aus der Zeit um oder knapp vor 1390 sein.
     Die von mir behandelte digital verfügbareVersion der Ryland University Library enthält ein Inhaltsverzeichnis mit den enthaltenen Rezepten und eine Vorrede. In der Vorrede wird die Entstehung der Rezepthandschrift den Meisterköchen König Richards II. von England (regierte von 1377-1399) zugewiesen. Ob dies tatsächlich zutrifft oder nur ein Argument mit verkausfördernder Wirkung sein sollte, lässt sich heute nicht mehr beurteilen. Doch legen die Anmerkung curyous metes for hyзest astates, Komposition der Rezepte und reichlich vorhandene exotische Zutaten und Gewürze einen stark gehobenen Rezipientenkreis nahe. Für keines der Manuskripte lassen sich die ursprünglichen Besitzer fassen. Die Überlieferung setzt hier erst in nachmittelalterlicher Zeit, teils sogar erst im 18. Jahrhundert ein.


As second source for my experiments I chose using a manuscript of the so called “The Forme of Cury” group of british recipe collections. The title, best translated as “The (proper) method of cookery”, comes from a roll of parchment, British Library ADD. MS 5016. In more than 15 years Hieatt and Butler could find 9 manuscripts which share more or less evident parallels. They divided them into two groups.
     The alpha-group consists of recipe collections which have evident resemblance with the name giving manuscript but are less extensive or contain additional recipes from other sources. The core of the “The Forme of Cury”-tradition can be found in the beta-group formed by three collections - British Library Additional MS 5016 (MS A), Morgan Library Bühler 36 (MS B), Ryland University Library English MS 7 (MS M). They were written in the very late 14th century and after the second decade of the 15th century.
     The version of the Ryland University Library was discovered by Hieatt only shortly after the edition of the collection of sources. The manusrcipt consists of 195 recipes of which two were added on paper after 1790, but are missing in the table of contents, too, and three dishes missing due to lost pages which can be reconstructed by using the other collections. It seems to be the oldest and best preserved - therefore most complete - specimen. Errors in the other two recipe books show, that it was partly and at different points of the texts one of the original sources for both copies. The origin of the unknown common ancestor can be traced back to the time shortly before or around 1390.
          The digitalized version I used is that of the Ryland University Library. It contains a table of contents naming all recipes  and a prologue. The latter attributes the creation of the collection to the master kitchen chefs of King Richard II. (reigned ca. 1377-1399). If this is the truth or just a matter of advertising can not be verified today. But the reference to curyous metes for hyзest astates, the composition of the recipes and the frequent use of exotic ingredients and spices seem to indicate high class recipients. Neither manuscript can be traced into medieval times and mostly the first identifiable owners are from the 18th century.



Lit.:

Butler, Sharon/ Hieatt, Constance B.: Curye on Inglysch. English Culinary Manuscripts of the Fourteenth Century (Including the Forme of Cury). Early English Text Society, SS. 8. London/ New York/ Toronto 1985.

Hieatt Constance b.: Further Notes on the Forme of cury et al.: Additions and Corrections. Bulletin of the John Rylands University Library of Manchester, Bd. 70/1 (1988). S. 45-52

Thursday, 27 January 2011

Die Quellen 1

Unter der Kategorie Quellen möchte ich schrittweise eine kleine Auswahl an Quellen vorstellen, die ich für meine Dissertation bearbeite. Zum einen möchte ich Informationen über Art, Form, Entstehung und Geschichte der jeweiligen Ressource geben. Zum anderen soll gezeigt werden wie ich die Quelle bearbeite und welche Absichten dahinter stecken.

Zu Anfang stehen für mich natürlich die Rezeptsammlungen und Kochbücher, aus denen, mehr als aus allen anderen Quellen, die Zusammenstellung der Gerichte und die Zubereitungsmethoden hervorgehen. Da eine umfassende Bearbeitung sämtlicher noch erhaltener Rezeptsammlungen aus verschiedenen Gründen nicht möglich ist, habe ich mich entschlossen die Rezeptauswahl für die Kochversuche auf deutsche, französische und englische Handschriften des 14. Jahrhunderts zu beschränken. Damit ist zum einen gewährleistet, dass ausreichendes aber überschaubares Material zur Verfügung steht. Außerdem lassen sich so die verschiedenen "Landesküchen" besser vergleichen, da Schriftquellen einer Zeitstufe direkt nebeneinander gestellt werden können. Zuletzt kann meine Arbeit als Vorstufe zur Verfolgung zeitlicher Entwicklungen verwendet werden.

     Die älteste deutschsprachige Rezeptsammlung ist das "buoch von guoter spise".[1] Es ist um 1350 entstanden und wurde zusammen mit Texten zu unterschiedlichen Themenbereichen in einem Sammelband - dem sogenannten Hausbuch des Michael de Leone, Protonotar zweier Würzburger Bischöfe - gebunden. Dieses Hausbuch wahr ursprünglich zweibändig.[2]
     Nach dem erhaltenen Verzeichnis im zweiten Band enthielt der erste, leider verlorene, Werke zu Tugend- und Lasterlehre sowie verschiedene weitere Lehrgedichte, unter anderem auch zum richtigen Benehmen bei Tisch, Sprüche zu den Sieben Freien Künsten und den vier Elementen, sowie ein Buch zur Veredelung von Obstbäumen.
     Der zweite Band enthält eine Sammlung liturgischer Texte, überwiegend in Latein, Freidanks Spruchsammlung "Bescheidenheit", lehrhafte Beispieltexte, Mären des Strickers, zwei lateinische Wissensbücher über den Aufbau der Welt und die Bedeutung der Liturgie, das "buoch von guoter spise" gefolgt von einem "Regimen Sanitatis" (Gesundheitslehre), Texten Konrads von Würzburgs, weiteren Gesundheitsregeln, Minnelehren, Liedersammlungen, Texten des Königs vom Odenwald und weiteren Spruchdichtungen, teils in Latein. Nach 1350 wurden weitere, hauptsächlich lateinische Texte nachgetragen. Darunter sind Gebete, medizinische Schriften, zwei Pesttraktate, Aderlaßregeln und ein Monatsregimen. Auch von Michael de Leone selbst verfaßte Texte sind zu finden sowie einige Abhandlungen zu lokal- oder reichspolitischen Ereignissen.
     Dieses Hausbuch enthält somit ein Kompendium als nützlich angesehener geistlicher und weltlicher Literatur, fachdidaktische Werke, erbauliche geistliche und prosaische Literatur, medizinische Ratgeber, Minnelieder und die hier behandelte Rezeptsammlung.[3] Letztere ist zweigeteilt. Beide Teile sind unterschiedlich aufgebaut und gehen wahrscheinlich auf zwei wohl nicht mehr erhaltene Handschriftenvorläufer zurück. Der erste Teil enthält 57 teils numerierte und mit Überschriften versehene Rezepte, darunter auch zwei Scherzrezepte. Er scheint eher unsortiert, bestenfalls gelegentlich nach Assoziationslinien geordnet. Der zweite Teil besteht aus 44 nicht numerierten aber auch mit Überschriften versehenen Rezepten und ist grob in Fast- und Fleischspeisen unterteilt, wobei gelegentlich die Systematik bei den Fastspeisen durch Fleischgerichte unterbrochen wird. Weiters lassen sich Unterblöcke erkennen: Fischgerichte, Krapfen mit Obstfüllung, Obst- und Gemüsegerichte, Eiergerichte, Obstspeisen, Mandel- und Nußspeisen sowie Schaugerichte.
     Die Herkunft des Kochbuches konnte bisher nicht geklärt werden, doch war bei der Abfassung sicherlich ein erfahrener Koch beteiligt, was der Aufbau und der teils recht knappe Inhalt der Rezepte verrät. Die Eingangsformel gibt als Zielgruppe „unverrihtige ko<e>che“ an. Über die Bedeutung dieser Formel wurde vielfach diskutiert und meist werden mit dem Begriff „unverrihtig“, der nach Trude Ehlert so viel wie „ungeordnet, nicht durch Recht und Gesetz festgesetzt“ bedeutet,[4] Köche in Verbindung gesetzt, die entweder zum ersten Mal mit schriftlich fixierten Rezepten arbeiten, oder die noch keine umfassenden Erfahrungen als Koch sammeln konnten.[5] Nach meiner Ansicht könnten allerdings auch Köche und Köchinnen gemeint sein, die schon langzeitige Erfahrung mit Küchenführung in fremden Haushalten haben, aber nie eine tatsächliche Ausbildung genossen haben. Das Buch würde somit meines Erachtens dazu dienen, nicht ausgebildete aber kocherfahrene Personen in die Lage zu versetzen, bisher ihnen unbekannte Gerichte der gehobeneren Küche nachzukochen. Ob dieses Buch je den Weg in die Küche gefunden hat, ist allerdings zweifelhaft. Die repräsentative Gestaltung und das unpraktische Format des Hausbuchbandes würden auf jeden Fall dagegen sprechen. Trude Ehlert zweifelt gar an, dass die zeitgenössischen Köche überhaupt lesekundig gewesen wären.[6] Mündliche Tradierung war nachgewiesener Maßen ein weitverbreitetes Phänomen unter mittelalterlichen Berufsköchen. Denkbar ist aus meiner Sicht, dass Michael de Leone die von ihm gewünschten Speisen vorlas und sich die für das Kochen zuständige Person die Anweisung merkte und später umzusetzen versuchte.
   Zur Bearbeitung dieses Kochbuchs habe ich eine Excel-Datenbank erstellt, untergliedert in die Kategorien laufende Numerierung, Titel, Art des Gerichtes, erwähntes Gerät, Zutaten, Maß-/ Mengenangaben, Zeitangaben, Anmerkungen zu Auffälligkeiten, Angaben zur Konsistenz, eigene Transkription, Übersetzung, von mir entwickeltes Rezept. Mir ist durchaus bewußt, dass ein Teil dieser Arbeiten, vor allem diverse Transkriptionen und Übersetzungen, schon von anderen Forschern – z.B. von Melitta Weiss-Adamson – durchgeführt wurden. Doch habe ich festgestellt, dass ich durch das geschilderte Vorgehen zum einen eine bessere Kenntnis des Materials erlange und zum anderen auf Aspekte stoße, die bisher nicht oder nicht hinreichend genug behandelt wurden.


[1] Im Rahmen dieses Posts kann nur kurz auf diese Sammelhandschrift eingegangen werden, weitere Angaben sind zu finden bei: Brunner, Horst [Hrsg.]: Das Hausbuch des Michael de Leone (Würzburger Liederhandschrift) der Universitätsbibliothek München (2° Cod. ms. 731). Göppingen 1983; Ehlert, Trude: Das Bůch von gůter spîse: kulinarische Bedeutung and kulturhistorischer Wert. Begleitheft zum Faksimile von Tupperware Deutschland. Frankfurt 1993; Hajek, Hans [Hrsg.]: Das bůch von gůter spise. Aus der Würzburg-Münchener Handschrift neu herausgegeben. Berlin 1958; Hayer, Gerold [Hrsg.]: Daz buoch von guoter spîse. Abbildungen zur Überlieferung des ältesten deutschen Kochbuches. Göppingen 1976; Weiss-Adamson, Melitta: Daz bůch von gůter spise. (The Book of Good Food.). A Study, Edition and English Translation of the Oldest German Cookbook. Medium Aevum Quotidianum, Sonderband IX. Krems 2000.
[2] Zum Hausbuch: Ehlert (1993), 3; Weiss-Adamson (2000), 12-19; zu Michael de Leone: Ehlert (1993), 8-10; Weiss-Adamson (2000), 7-11.
[3] Zum bůch von gůter spîse: Ehlert (1993), 5-7; Weiss-Adamson (2000), 2-25, 33-54.
[4] Ehlert (1993), 7.
[5] Ehlert (1993), 7f; Weiss-Adamson (2000), 21-22.
[6] Ehlert (1993), 7f.